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Wie unerzogene Kinder aus dem 7. Jahrhundert (Henryk M.Broder) PDF Drucken E-Mail
Montag, den 17. September 2012 um 09:49 Uhr

Die Demonstranten gegen das Mohammed-Video agieren wie Kinder, die sich ihrer Macht bewusst sind. Den Rest besorgen die Erwachsenen im Westen, die sich für mehr Verständnis stark machen.

Bekomme ich eine Einladung zu einem Brunch oder einem Tee am Nachmittag, frage ich vorsichtshalber nach, ob auch Eltern beziehungsweise alleinerziehende Mütter und Väter mit ihren Kindern dabei sein werden. Lautet die Antwort "ja", bedanke ich mich bei den Gastgebern, dass sie an mich gedacht haben, und bleibe daheim. Denn ich weiß, wie der Brunch oder der Tee am Nachmittag verlaufen wird. Eine Handvoll schlecht erzogener Kinder wird mit dem Essen um sich werfen, über und unter den Tischen toben, die Erwachsenen mit Gebrüll terrorisieren, die ihrerseits nichts unternehmen werden, was die Kleinen in die Schranken weisen könnte, denn dann würden sie nur noch heftiger toben, noch lauter brüllen und noch mehr Schaden anrichten.

Dabei habe ich nichts gegen Kinder, ich habe nur was gegen Eltern, die vor dem eigenen Nachwuchs kapitulieren und dies für eine pädagogische Meisterleistung halten.

Was machen die Männer, wenn sie nicht protestieren?

So geht es mir auch, wenn ich im Fernsehen die vielen aufgeregten Moslems sehe, die in Bengasi, Kairo, Khartum, Islamabad, Jakarta und sogar Sydney gegen einen Film demonstrieren, von dem sie gehört haben, dass er den Propheten Mohammed beleidigt. Erst einmal frage ich mich: Was machen diese Männer, wenn sie nicht demonstrieren? Haben sie keine Familien, die sie ernähren müssen? Keine Arbeit? Beziehen sie ein Gehalt von einer der vielen NGOs, die sich in der Dritten Welt um die Armen und Ausgebeuteten kümmern? Und woher bekommen sie die amerikanischen beziehungsweise israelischen Fahnen, die sie dann vor den Kameras von CNN und BBC verbrennen? Werden die einzeln in Heimarbeit hergestellt, oder gibt es in Ägypten, im Sudan und in Pakistan Betriebe, die sich auf die Herstellung von Fahnen der Feindstaaten spezialisiert haben?

Wie dem auch sei, eines steht fest: Die Demonstranten agieren wie Kinder, die sich ihrer Macht bewusst sind. Sie wissen, dass niemand es wagen wird, sich ihnen in den Weg zu stellen. Mehr noch: dass sich genug Erwachsene finden werden, die Verständnis für ihr schlechtes Benehmen äußern werden. Claus Kleber vom ZDF-"heute journal" zum Beispiel, der in einer seiner sprachlich so ausgefeilten Moderationen die "Radikalen auf beiden Seiten" für die Eskalation der Lage verantwortlich machte. Oder der Kollege vom "Stern", der seinen Kommentar über "ein dummes Video", das "die islamische Welt in Aufruhr" bringt, mit der Überschrift versah: "Wer Hass sät, erntet Hass". (Das war übrigens auch die Parole, unter der nach den Anschlägen von 9/11 die "amerikakritischen" Teile der Friedensbewegung auf die Straße gingen.)

Die Demonstranten benehmen sich wie Kinder

Der Infantilismus der Demonstranten, die untereinander mit Handys kommunizieren, ansonsten aber in der steinigen Welt des 7. Jahrhunderts leben, färbt auf deren Versteher ab. Hieß es nach der Fatwa gegen Salman Rushdie, die "Satanischen Verse" seien kein literarisches Meisterwerk, sondern vor allem dazu bestimmt, die Gefühle der Moslems zu verletzen, hat man die Mohammed-Karikaturen, die in der dänischen Zeitung "Jyllands Posten" erschienen sind, als "primitiv" und "künstlerisch wertlos" abgetan, so ist es "diesmal ein dumm-dreister Film, in dem der Prophet Mohammed und der Islam auf ideologisch üble und dazu noch handwerklich billige Weise verächtlich gemacht werden" – als ob die Qualität des Film das wäre, was die Moslems zur Rage treibt. Nimmt jemand an, die Söhne Allahs würden begeistert Beifall klatschen, wenn es nicht "ein dumm-dreister" und "handwerklich billiger" Film wäre, sondern ein Meisterwerk von Pasolini oder Tarantino?

Man könne, so sagen es die Völkerpsychologen und Islam-Experten, den Moslems so etwas nicht zumuten, die wären noch nicht so weit, Häme und Spott gegenüber ihrer Religion auszuhalten, ohne aus der Haut zu fahren. Man müsse ihnen noch etwas Zeit lassen. Wer so argumentiert, ist nicht nur ein Kulturrelativist, er ist ein subtiler Rassist. Er müsste konsequenterweise den Moslems auch raten, längere Strecken mit dem Kamel statt mit dem Flugzeug zurückzulegen und ihnen den Zugang zum Internet verbieten. Denn: Die sind noch nicht so weit.

Wer aber eine Reise im Internet bucht und dann nach München oder Zürich fliegt, um sich dort in einer Klinik behandeln zu lassen, dem kann auch zugemutet werden, dass er nicht ausrastet, wenn seine Religion ins Lächerliche gezogen wird.

Die Papst-Satire wäre unbemerkt geblieben


Erst vor ein paar Wochen hat die "Titanic" eine geschmacklose, dumm-dreiste und handwerklich billige Satire auf den Papst veröffentlicht, die unbemerkt geblieben wäre, wenn der Papst nicht versucht hätte, die Verbreitung des Heftes zu verhindern. Aber: Der Pontifex schickte weder die Schweizer Garde los, um die Redaktion abzustrafen, noch hat er seine Anhänger – immerhin über eine Milliarde Menschen – aufgerufen, Botschaften zu stürmen. Er ließ über seine Anwälte den Antrag auf Erlass einer Einstweiligen Verfügung stellen. Einen Tag vor dem angesetzten Termin zur Verhandlung, zogen die Anwälte den Antrag zurück. So hatten die Papstkritiker gleich zweimal Grund zur Freude. Dennoch hat kein katholischer Dschihadist zum Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen aufgerufen. Und das ist nicht die Ausnahme, das ist die Regel.

Der Film "Paradies: Glaube", eine Co-Produktion von WDR und arte mit Unterstützung etlicher Filmfonds, wurde bei den diesjährigen Filmfestspielen von Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. In dem Film geht es um eine "missionarische Krankenschwester" namens Anna Maria, "die ihre Liebe zu Jesus bis ins Extrem treibt". Soll heißen: Anna Maria masturbiert mit einem Kruzifix.

Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie die Reaktionen in der moslemischen Welt ausgefallen wären, wenn Anna Maria nicht ein Kruzifix sondern einen den Moslems heiligen Gegenstand benutzt hätte. Keine Jury der Welt hätte es gewagt, einen solchen Film auch nur ins Programm zu nehmen. Und man braucht noch weniger Fantasie, um sich die Reaktionen von Claus Kleber und der Kommentatoren beim "Stern", bei der "SZ" und der "FR" vorzustellen: "Dumm-dreist, primitiv, eine Provokation".

Der Westen misst mit zweierlei Maß

Insofern misst der Westen, der seine Freiheit nicht daheim, sondern am Hindukusch hinter den Karawanken verteidigt, mit zweierlei Maß. Wir sind moralisch dermaßen gefestigt, dass wir solche Provokationen aushalten können. Sie, die Moslems, müssen es noch lernen. Und weil das noch eine Weile dauern kann, sollten wir uns zurücknehmen. Innenminister Friedrich hat bereits angekündigt, er werde "mit allen rechtlich zulässigen Mitteln" eine Vorführung des Films "Die Unschuld der Muslime" verhindern, nicht etwa um das deutsche Publikum vor einem billigen Machwerk zu schützen, sondern damit nicht noch mehr "Öl ins Feuer" gegossen werde. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz, will sogar den Paragrafen 166 des StGB angewandt wissen, der die Störung des "öffentlichen Friedens" unter Strafe stellt.

Da hilft nur eines: Der Besuch in einer Oase der Vernunft, dem arabischen Sender Al-Jazeera. Der meldet, immer mehr Syrer wunderten sich darüber, dass ein Video über Mohammed in der islamischen Welt für mehr Aufregung sorgt als das Blutbad in Syrien. "Liebe Moslems", schreibt ein Leser, "unser Prophet wäre über die Morde, die Assad in Syrien begeht, viel mehr beleidigt als über irgendeinen respektlosen Film".